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am 13. Juni 2014

Gute Pflege braucht Zeit - und angemessene Tagsätze

Regina Petrik - Grünen-Landessprecherin Regina Petrik kritisiert Form des „Stresstests“ für Pflegeheime und fordert die rasche Vereinheitlichung von angemessenen Tagsätzen, die den Pflegenden genügend Zeit für qualitätsvolle Arbeit lässt.

Christian Göltl mit Regina Petrik

„Ich freue mich, dass Landesrat Rezar meine Initiative, den Juni 2014 zum politischen Schwerpunktmonat für die Pflege zu machen, aufgegriffen hat. Schon lange nicht mehr schenkte er der Pflegesituation im Burgenland so viel Aufmerksamkeit wie genau in jenem Monat, in dem ich mein Pflegepraktikum absolviere“, stellt Regina Petrik zufrieden fest. Sowohl in der Landtagssitzung als auch im Sozialbeirat sowie bei einem Runden Tisch zur Palliativpflege widmet sich der Landesrat genau jenem Themenfeld, in dem die grüne Landessprecherin in der Praxis tätig ist.

PFLEGE BRAUCHT ZEIT

Was für Petrik, die im Rahmen ihres Projekts „REGINA WILL’S WISSEN“ derzeit ein Praktikum im Pflegeheim der Diakonie in Gols absolviert, bereits nach wenigen Tagen offensichtlich ist: Gute, qualitätsvolle Pflege braucht Zeit. „Menschen, die auf die Hilfe anderer angewiesen sind, um überleben zu können, dürfen nicht möglichst schnell abgefertigt werden. Gewaschen, gepflegt und medizinisch versorgt werden darf nicht ausschließlich aus der Perspektive von Minutenvorgaben und Effizienz erfolgen. Auch nicht dann, wenn die öffentliche Hand die Kosten dafür trägt. In einer an den Menschenrechten orientierten Gesellschaft wie unserer schon gar nicht.“

Ihre Forderung an die Politik: Die umfangreichen Leistungen der Pflegekräfte wertschätzen, nicht nur in Form von Promi-Besuchen und Fotos, sondern in Form von angemessener Entlohnung. Diese ist nur dann möglich, wenn die öffentliche Hand den Trägerorganisationen entsprechende Tagsätze und Vergütungen zukommen lässt.

DAS PROBLEM MIT DEN TAGSÄTZEN

Noch immer ist es so, dass die Vergabe der Tagsätze nicht für alle Institutionen gleich und vor allem nicht durchschaubar, bedauert Christian Göltl, der Leiter des Diakoniezentrums in Gols. Bereits seit 2006 werde im Land daran gearbeitet, eine einheitliche Regelung für alle Trägerinstitutionen zu erstellen, der Prozess wurde aber mehrfach unterbrochen. Nun endlich habe das Land wieder einen Anlauf dafür unternommen. „Ziel muss es sein, dass gleiche Pflegeleistungen bei allen auch gleich abgegolten werden und sich nicht die einen besseren Tagsatz als die anderen ausverhandeln können“, so Göltl. Dass der Prozess so schleppend vor sich geht, habe auch damit zu tun, dass mitunter dilletantisch gearbeitet wird. So habe etwa eine früher einmal zur Ausarbeitung der Entscheidungsgrundlagen beauftragte Firma einfach auf einiges vergessen, das zum Pflegealltag gehört, zum Beispiel, dass es auch Nachtdienste zu besetzen gibt.

„Evaluationsprozesse und Leistungsüberprüfungen sind wichtig, aber es muss am Schluss etwas Lebbares herauskommen“, meint Christian Göltl. Im jetzigen Prozess hat das Land Burgenland der Firma „batcon“ den Auftrag erteilt, ein einheitliches Tarifmodell zu erarbeiten. Göltl fürchtet, dass es noch einen inoffiziellen Auftrag gibt, nämlich zu schauen, was man einsparen kann.

Zum Selbstverständnis der Firma batcon ist auf deren Homepage nachzulesen: „Wir bieten unseren Kunden Wertsteigerung durch Kombination wirtschaftlicher und technischer Beratungskompetenz. Nur wenn durch Unternehmensberatung der Wert des Unternehmens gesteigert wird, kann von einem erfolgreichen Beratungsprojekt gesprochen werden. Wir helfen Ihnen dabei durch unsere Beratungskompetenz sowie durch unsere langjährige Managementpraxis und optimieren mit Ihnen gemeinsam Ihre Gewinne der Zukunft.“

Es besteht für Göltl die Hoffnung, dass batcon den „Wert des Unternehmens“ umfassend sieht und die qualitätsvolle Betreuung hier einbezieht. Die Hoffnung ist berechtigt, wenn man beobachtet, wie batcon an den Prozess herangegangen ist. So wurden etwa auch HeimbewohnerInnen befragt, Fragebögen ausführlich Zeit gewidmet und Bilanzen von den Heimen durchgearbeitet. Dazu gab es ausführliche Besprechungen mit den Heimen vor Ort. „Wir haben diesen Prozess durchaus wertschätzend erlebt“, erzählt Christian Göltl.

NICHT ALLE HEIME IM „STRESSTEST“?

Zwei Aspekte machen Regina Petrik, die auch Sozialsprecherin der Grünen im Burgenland ist, aber Sorgen. Zum einen wurde ein wesentlicher Teil des Evaluationsprozesses als „Stresstest“ bezeichnet, dem die teilnehmenden Institutionen unterzogen wurden. „Offiziell ist von einer Bestandsaufnahme die Rede, so ein Wort ist aber doch bezeichnend“, sagt Petrik. „Es ist doch sehr zu hoffen, dass die Tagsätze dann nicht so berechnet werden, dass die Pflegenden permanent unter Stress arbeiten müssen, um ihre Aufgaben zu erfüllen.“

Zum zweiten dürften sich doch nicht alle Pflegeinstitutionen dem Verfahren angeschlossen haben. Das Hilfswerk zögerte lange, machte aber letztlich doch auch mit, allerdings lieferte es seine Daten so spät, dass dies auch eine Verzögerung der Präsentation der Ergebnisse von 21. Mai 2014 auf Anfang Juli 2014 nach sich zog. Es gibt noch keine Bestätigung dafür, dass auch die Vamed-geführten Häuser in Neudörfl, Oberpullendorf und Rechnitz dem „Stresstest“ unterzogen und in die Evaluation eingebunden wurden. Petrik dazu: „Das ist schon pikant. Das Land vergattert alle Pflegeinstitutionen zu einem Stresstest, nur diejenigen, an denen das Land in 49%er Eigentümerschaft ist, werden ausgenommen.“

Ein weiteres Problem sieht Regina Petrik darin, dass die Berechnungen von einer zumindest 95%igen Auslastung ausgehen. Das sei aber keineswegs eine verlässliche Basis. In den Pflegeheimen in Norden sind zum Beispiel Plätze frei, die nicht einfach schnell nachbesetzt werden. „Eine Trägerorganisation kann ja nicht einfach Fachkräfte kündigen, wenn ein paar Betten unbesetzt sind“, mahnt Petrik eine realistische und betriebswirtschaftlich saubere, umfassende Finanzplanung bei den zuständigen Stellen im Land ein.

Christian Göltl dazu aus seiner langjährigen Erfahrung in der Leitung eines Pflegeheimes: „Wenn sich unsere Gesellschaft dazu entschließt, dass Menschen in Heimen gepflegt und betreut werden sollen, dann müssen auch die notwendigen finanziellen Mitteln zur Verfügung gestellt werden, dass dies qualitätsvoll und würdevoll geschehen kann."

NEUE SCHWERPUNKTE IM BLICKFELD

Die Praxis der Arbeit im Pflegeheim zeigt, dass es Ziel einer sinnvollen Sozialpolitik sein muss, vielfältige und kombinationsfähige Modelle der Pflege und Betreuung zu entwickeln und zu fördern, resümiert Petrik, „denn nicht alle Menschen brauchen in der letzten Lebensphase das gleiche, und die familiären und sozialen Gegebenheiten sind auch im Burgenland höchst unterschiedlich“. Regina Petrik fordert daher:

  • Eine Aufwertung der Tagesbetreuung in Pflegeeinrichtungen und entsprechende Informationen dazu.
  • Die Aufwertung der Kurzzeitpflege, die ja auch vom Land gefördert wird. Diese bietet nicht nur Überbrückungshilfe nach Krankenhausaufenthalten oder bei Erkrankung oder vorübergehender beruflicher Verhinderung der Pflegenden. Sie kann pflegenden Angehörigen auch ermöglichen, einen für sie dringend notwendigen Urlaub zu machen und in dieser Zeit den familiären Pflegefall gut betreut zu wissen.
  • Eine eigene Bewertung der Pallativpflege, die in Zukunft einen immer höheren Stellenwert einnehmen wird. Regina Petrik erlebt zu Zeit selbst mit, dass immer mehr Menschen so lange wie möglich zu Hause betreut werden und erst „zum Sterben“ ins Pflegeheim kommen. „Dieser Entwicklung muss Rechnung getragen werden. Das Land hat hier Schulungen und Personal zur Verfügung zu stellen, damit die Pflegekräfte mit der neuen Situation sachgerecht und emotional gestärkt umgehen können. Schließlich ist in dieser Phase die Arbeit mit den Angehörigen, die ihr Familienmitglied sterben sehen und für immer Abschied nehmen müssen, von besonderer Bedeutung und braucht seinerseits Zeit.“
  • Pflegeheime brauchen auch Umsicht bei der Planung. Die Grünen fordern, dass vor Gewährung einer Wohnbauförderung überprüft wird, ob wesentliche Standards, die in auf das Leben und Arbeiten in einem Pflegeheim große Auswirkungen haben, eingehalten werden: z.B. das Anbringen von Sonnenschutz an den Außenwänden, die spezielle Beschaffenheit von Aufzügen etc. Dafür sind mit den in der Alltagsarbeit stehenden Pflegekräften Richtlinien zu erarbeiten.

Gute Pflege braucht Zuwendung,
Zuwendung braucht seine Zeit,
also braucht gute Pflege Zeit !
Das muss die Grundlage jeder Pflegeschlüsselberechnung sein!