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am 12. August

Bauboom wider Natur- und Kulturerbe

Stefan Eitler - Rund um den Neusiedlersee sprießt ein Bauprojekt nach dem anderen aus dem Boden. „Die Situation ist dramatisch“, meint Regina Petrik.

Rund um den Neusiedlersee sprießt ein Bauprojekt nach dem anderen aus dem Boden. Das Freizeit- und Tourismusprojekt auf der ungarischen Seite, in Fertörakos, ist das größte von allen. Doch auch auf der österreichischen Seite des Seeufers herrscht Goldgräberstimmung.  „Die Situation ist dramatisch“, meint Regina Petrik, Landessprecherin der GRÜNEN. „Noch während der Masterplan für die Region Neusiedlersee ausgearbeitet wird, werden Tatsachen geschaffen. Das geht auf Kosten der Kulturlandschaft und der einheimischen Bevölkerung. Es gibt kaum mehr öffentliche Zugänge zum Neusiedlersee und in Entscheidungen überwiegen Wirtschafts- vor Umweltinteressen. Hier wird das Weltkulturerbe-Ufer verbaut. Das kann so nicht weitergehen. Die Landesregierung darf nicht länger vor der Gefahr der Ausbeutung der Naturlandschaft durch Wirtschaftsinteressen die Augen verschließen.“

Immobilienprojekte wie in Weiden, wo im Seepark 28 Ferienappartements und -häuser mit Gärten und Parkplätzen entstehen oder in Oggau, wo exklusive Seevillen nur mehr gute betuchte Zweitwohnsitzer anziehen, lehnen die GRÜNEN ab. „Am Seeufer dürfte nur gemäß des Kultur- und Landschaftsraums gebaut werden“, meint Petrik. „Große Hotelbauten entsprechen nicht der regionaltypische Baukultur. Das Seeufer behält seinen Wert, wenn es für die Menschen leistbare Seebäder mit angemessener Gastronomie bietet. Darum brauchen wir eigene Widmungskategorien für Gastronomie und Hotelbetriebe. Das Seeufer muss von Hotels und Wohnsitzen frei bleiben. Der See muss für alle zugänglich sein, auch ohne Hotelzimmer und Eintrittsgeld.“

KRITIK AN FLÄCHENUMWIDMUNG IN NEUSIEDL

Andrea Kiss, grüne Gemeinderätin in Neusiedl am See, übt Kritik an der Vorgangsweise von SPÖ, ÖVP und FPÖ, die nun eine Flächenumwidmung vornehmen wollen, um den Neubau eines Hotels zu ermöglichen. Auf dem fraglichen Grundstück befindet sich zwar bereits ein desolates Bauwerk, das ohne Zweifel einer Modernisierung bedarf, aber im Fall eines Neubaus dürfte dort kein Hotel mit der jetzigen Widmung errichtet werden. So sieht es auch der Naturschutz. Hier hat der Gemeinderat selbst Gestaltungsmöglichkeit, er entscheidet, welches Bauprojekt er zulässt und wo er die Grenze zieht. „Noch mehr zubetonierter Boden für Parkplätze ist den anderen Parteien offensichtlich kein Problem, wir GRÜNE warnen vor den Folgen dieser ungezügelten Bautätigkeit und geben der Umwidmung keine Zustimmung“, erklärt Kiss. „Viel wichtiger als ein Hotel in Ufernähe wäre ein freier Badezugang am See für die Bevölkerung, so wie jetzt nur in Jois möglich ist.“
Kiss, die auch Bezirkssprecherin der GRÜNEN im Bezirk Neusiedl ist, macht sich Sorgen um die weitere Entwicklung: „Die Gemeinden der Seeregion sind aufgefordert, die wertvolle Ressource des Neusiedlersees zu bewahren. Die derzeitige Entwicklung mit immer größeren Hotelbauten samt zubetonierten Parkplatzflächen direkt am See geht in die falsche Richtung. Die Seebäder sind Erholungsgebiet für Touristinnen und Touristen, aber auch für die Bevölkerung. Man kommt in die Region, um die Natur zu genießen, die Einmaligkeit der Neusiedlersee Region mit seiner besonderen Fauna und Flora zu erfahren, gerne per Rad und Erholung am Wasser und vielleicht Sport auf dem Wasser zu betreiben. Das ist der besondere Reiz für unsere Gäste, das darf doch nicht durch die Konzentration auf kurzfristigen wirtschaftlichen Profit zerstört werden.“

WIRKUNGSLOSE GESETZE UND REGELN

Kritik üben die GRÜNEN auch daran, dass vorhandene Richtlinien missachtet werden und erinnern an eine Broschüre, die im Jahr 2011 von der Landesregierung erstellt wurde. „Da wird Zeit und Geld in die Erarbeitung von Kriterien für das Bauen im Welterbe investiert und dann interessiert es niemanden mehr, ob diese auch Beachtung finden“, ärgert sich Petrik. In der Broschüre liest man etwas auf Seite 24:

Eingriffen mit negativen Auswirkungen auf die Kulturlandschaft ist vorzubeugen. Dem Druck unverträglicher Entwicklungen soll entschieden entgegengetreten werden: die wertvolle und sensible Kulturlandschaft soll nicht durch Wohn-, Gewerbe- oder Industrieprojekte beeinträchtigt werden.

„Luxusvillen am Seeufer und weit in den See hineinragende Appartements haben meines Erachtens sehr wohl negative Auswirkungen auf die Kulturlandschaft“, so Petrik. „Wer ist hier dem Druck unverträglicher Entwicklungen entschieden entgegengetreten?“

Und auf Seite 25 steht:
Eine für das Welterbe Fertő-Neusiedler See typische Architektursprache soll entwickelt und eingesetzt werden. Das Ziel ist eine “Burgenländische Welterbe Bauschule”, welche traditionelle Bauweisen und -techniken nutzt und zeitgemäß interpretiert und weiterentwickelt. Die Zusammenarbeit zwischen den Gemeindebehörden und Plattformen wie “Architekturraum Burgenland“ sollen intensiviert werden.

„Welches der neuen Immobilienprojekt am See entspricht einer für das Welterbe Fertö-Neusiedlersee typischen Architektursprache?“ fragt Petrik nach. „Ich habe nicht den Eindruck, dass in Bauverhandlungen davon überhaupt die Rede ist.“ Daher brauche es über allgemeine Broschüren hinaus verbindliche Baurichtlinien für Projekte rund um den Neusiedlersee.

Auch das neu beschlossene Raumplanungsgesetz bietet nicht den erforderlichen Schutz für die sensible Landschaft. So ist in den Bestimmungen über Baugebiete für Erholungs- und Fremdenverkehrseinrichtungen die Ermöglichung einer Hauptwohnnutzung nicht ausgeschlossen. Aus grüner Sicht gibt es keine Notwendigkeit, warum eine solche in diesen Gebieten, die fast ausschließlich außerhalb des Siedlungsgebietes liegen, ermöglicht werden soll. „Gerade angesichts der Entwicklung der letzten Jahre, insbesondere in der Region um den Neusiedler See, wo unter dem Vorwand der touristischen Nutzung in erster Linie Immobiliengeschäfte für private Wohnnutzung realisiert wurde, muss eine klare Regelung geschaffen werden, die jegliche private (Hauptwohn)Nutzung, Spekulationsgeschäfte von Immobilienfirmen und ein „Zerreißen“ von Siedlungskörpern verhindert und ausschließlich touristische Nutzungen mit einem touristischen Mehrwert für Gemeinden und Regionen in ermöglicht“, fordert Regina Petrik. Um bereits in der Flächenwidmung festzulegen, welche Art von Nutzung im sensiblen Gebiet am Seeufer zulässig ist, fordern die GRÜNEN getrennte Widmungskategorien für Einrichtungen der Gastronomie und Immobilien für Hotelbetrieb.

EIN MASTERPLAN OHNE KLIMASCHUTZ-CHECK IST WERTLOS
Auch in Zusammenhang mit dem Masterplan Neusiedlersee machen die GRÜNEN deutlich, dass sich in den konkreten politischen Entscheidungen erweist, wer es mit dem Klimaschutz ernst meint, meint Petrik: „Gerade in den sensiblen Schutzgebieten rund um den Neusiedlersee muss jeder Eingriff in die Natur mehrfach gecheckt werden. Wo Immobilien entstehen, wird Boden zubetoniert. Wo Natur zurückgedrängt wird, werden Tier- und Pflanzenarten bedroht. Daher muss der Masterplan für den Neusiedlersee auch ein ökologisches Entwicklungskonzept für die Region Neusiedlersee sein. Wenn so weitergemacht wird wie bisher, wird die Besonderheit der Region Neusiedlersee zerstört und der Umwelt noch größerer Schaden als bisher angerichtet. Wer das im heißesten Sommer seit Messbeginn noch nicht klar ist, hat die Dringlichkeit der Lage nicht erkannt."

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